streitfragen-Interview: DSW 21-Gruppe gibt jungen Migranten Hoffnung

Manfred Kossak, Arbeitsdirektor mit Mehdi Hoseini, Azubi zum KFZ-Mechatroniker (l.) aus Afghanistan und Alassane Doumbia, Azubi zum Industrieelektriker von der Elfenbeinküste
Manfred Kossak, Arbeitsdirektor der DSW21-Gruppe mit Mehdi Hoseini, Azubi zum KFZ-Mechatroniker (l.) aus Afghanistan und Alassane Doumbia, Azubi zum Industrieelektriker von der Elfenbeinküste

Gemeinsam haben die Dortmunder Energieunternehmen DSW21, DEW21 und DONETZ in den Sommerferien 2016 das Projekt MigrAzubis eingefädelt. Ihr Ziel: jugendliche Migranten fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Manfred Kossack, Arbeits­direktor der DSW21-Gruppe, spricht über soziale Verantwortung und Ausbildung als Integrationsfaktor. Interview Michaela Harnisch

Wie kamen Sie auf die Projekt-Idee?

Dortmund war 2015 ein Hotspot in Nordrhein-Westfalen für Flüchtlinge. Wir sind ein kommunales Unternehmen, das sehr stark in der Region verwurzelt ist und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt – an vielen Ecken. Die Initialzündung kam von einer Mitarbeiterin, die sich stark in der Flüchtlingshilfe engagiert. Sie erzählte uns, dass Jugendliche während der Sommerferien in ihren Unterkünften sitzen würden, weil die Sprachschule Fe­rien habe. Aber wir nicht. Wir haben eine zentra­le Ausbildungswerkstatt mit über 100 Auszubildenden. Auf dieser Grundlage ist das Projekt MigrAzubis entstanden.

Was haben die Praktikanten gemacht?

In einer Ausbildungswerkstatt hat man es ja mit verschiedenen Gewerken zu tun. Da konnten sie kleinere Werkstücke selbst fertigen. Tesa-Roller aus Metall zum Beispiel. Oder auch ein bisschen programmieren. Sie haben also vom ersten Tag an praktisch gearbeitet. Dann sind gemeinsame Exkursionen organisiert worden. Sie konnten sich unsere Unternehmen anschauen und waren in der Straßenbahn- und Buswerkstatt. Das heißt, diese 14 Tage waren ganz schön prall gefüllt. Am Ende wollten sie das Praktikum gern verlängern, weil sie so begeistert waren.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Beide Seiten haben voneinander gelernt. Ich war beeindruckt, dass sich die Migranten in der Vorstellungsrunde am ersten Tag alle in deutscher Sprache vorstellen konnten. Natürlich war das noch lange nicht perfekt, aber die Kommunikation funktionierte. Schon nach einem Tag war das Eis gebrochen. Sie konnten erleben, wie es in einem deutschen Unternehmen aussieht und wie wichtig es ist, sich verständigen zu können. Sie haben erfahren, was es heißt, eine Ausbildung zu machen – welche Aufgaben da zu bewältigen sind und welche persönlichen Chancen sich daraus ergeben können. Unsere Azubis haben gelernt, Verantwortung für jemandem zu übernehmen. Wenn sie ihren eigenen Alltag erklären, dann reflektieren sie sich auch selbst. Sie haben Gleichaltrige kennengelernt, die unter zum Teil sehr traurigen Umständen ihre Heimat verlassen haben und jetzt weitab von ihren Familien leben.

Wie haben die Mitarbeiter reagiert?

Alles ist von unten nach oben organisiert worden. Darum war nicht nur die Akzeptanz, sondern auch das Engagement sehr groß. Der Werkstattleiter war sofort Feuer und Flamme, hat sich seine Azubis geschnappt, und die haben selbst einen Plan entwickelt, was sie mit ihren Altersgenossen machen.

Könnten sich die Praktikanten für eine reguläre Ausbildung bewerben?

Sie müssen denselben Weg einhalten wie jeder normale Bewerber auch. Es gibt keinen Vorrang. Denn: Sie müssen Prüfungen bestehen, Anweisungen und Vorschriften verstehen. Wenn sie die Sprache beherrschen, dann schaffen sie das auch.

Gibt es Angebote an ältere Migranten?

Wir haben uns jetzt auf die Jugendlichen fokussiert. Wenn sich Erwachsene bewerben würden, dann müssten sie genau die gleichen Bedingungen erfüllen wie die Deutschen auch. Als Bus- oder Bahnfahrer muss man kommunizieren können. Und da brauchst du eine perfekte Sprache und musst kulturell so getaktet sein, dass du mit den Fahrgästen umzugehen weißt. Im Grunde sind alle gefordert. Die meisten Arbeitsplätze in Deutschland gibt es im Mittelstand, und wir müssen die Handwerker und kleinen Unternehmen dafür gewinnen, sich mit an der Integration zu beteiligen, indem wir den Migranten eine Chance geben, in Arbeit zu kommen und so ein eigenes Leben aufzubauen.

Wird nicht Personal gesucht, das hoch qualifiziert und fit für Industrie 4.0 ist?

Ja, könnte man so sehen. Aber ich halte dagegen. Denn es wird immer jemanden geben müssen, der Fahrzeuge repariert. Ich halte es für falsch, dass man die Migranten als gute Gelegenheit zur Bewältigung des Fachkräftemangels sieht. Da muss man Enttäuschung ernten. Es gibt viele – gerade junge Menschen –, die müssen erst mal fit gemacht werden. Zuerst die Sprache, dann die Kultur, das soziale Umfeld, und sie müssen es schaffen, in der Gesellschaft anzukommen. Egal ob sie dann später wieder zurückgehen oder nicht. Da setzen wir mit unserem MigrAzubis-Projekt an.

Wollen Sie dieses Azubiprojekt fortführen?

Ja, unbedingt. Wir sehen ja, dass der Weg richtig ist. Unsere Azubis bleiben übrigens mit den Migranten über eine Whatsapp-Gruppe in Kontakt. Das ist nicht Indus­trie 4.0, sondern Kommunikation 4.0.

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